Liebe Freunde der Friedenskirche,
Ich wunderte mich, dass eine Bekannte, deren Kinder vor einiger Zeit zum Studium nach Deutschland gegangen waren, nicht außerhalb der Schulferien verreiste, wenn alles viel billiger und weniger überlaufen ist. „Ich kann doch meine Kinder nicht alleine lassen“, sagte sie. Sie meinte nicht ihre eigenen Kinder, sondern die Kinder im Sozialprojekt einer Favela, für die sie schon seit Jahren Hausaufgabenbetreuung macht. So viel Engagement und Selbstlosigkeit sind beeindruckend.
Vor kurzem jedoch las ich einen Artikel des Philosophen Eckart Voland, in dem er eine große Skepsis gegenüber der moralischen Bewertung solcher Selbstlosigkeit äußert. Wirklichen Altruismus (Einsatz für andere, ohne eigenen Vorteil) gibt es gar nicht, behauptet er. In den meisten Fällen ist der psychische Gewinn, die eigene Befriedigung oder die gesellschaftliche Anerkennung wesentlich höher als der Aufwand für solches Engagement. Jemand, der sich in seiner freien Zeit für andere einsetzt, tut es also letztlich aus den gleichen Gründen wie einer, der in dieser Zeit an den Strand zum Surfen fährt. Diese Sicht der Dinge ist ziemlich desillusionierend. Aber gerade in der Kirche, die von so viel ehrenamtlicher Arbeit lebt, lohnt es sich nachzudenken und ehrlich darüber zu reden. Was habe ich für einen Nutzen von meinem sozialen Engagement? Für wen oder was tue ich das wirklich?
Für heute noch ein Zitat von Angelo Roncalli, dem späteren Papst Johannes XIII: „Nur für heute werde ich mich bemühen …. eine gute Tat zu vollbringen, und ich werde es niemandem erzählen.“
Pastor Jörn